Sicherheit und Alternative

Es klingelte an der Haustür. Ich schaute auf die Uhr und wunderte mich. Schnell nahm ich meinen Schlüssel, um die Haustür zu öffnen. Zuvor jedoch blickte ich wegen der Sicherheit durch den Spion, staunte nicht schlecht: Da stand Heidi Hastig vor der Tür und trat von einem Fuß auf den anderen. Wieder einmal hatte sie es wohl sehr eilig.

Heidi Hastig

Als ich die Tür nun endlich geöffnet hatte, stürzte Heidi wie von der Tarantel gestochen gleich durch zum Esstisch, blieb abrupt davor stehen, hielt den Rücken gestreckt und verzog keine Miene.

Ich folgte ihr rasch. Machte mir Sorgen, was sie wohl erlebt haben mag, dass sie nicht nur außerplanmäßig, sondern auch zu dieser Tageszeit — es war Freitag 9:00h vormittags —zu mir kam. Zum Glück hatte ich keinen Termin, musste also nicht aus dem Haus. So legte ich dann den Putzlappen aus der Hand und wandte mich Heidi zu.

Als ich sie beobachtend ansah, bemerkte ich, wie sie ein Stück Papier in ihren Händen hin- und herdrehte.

”Setz dich erstmal,” sagte ich. ”Und dann erzähl mir welche Laus dir über die Leber gelaufen ist.”

”Ick weeß janich, wo ick anfang’n soll. Ick kenn’ doch nüscht davon. Hier.” Sie streckte mir nun das Stück Papier entgegen. ”Lies ma. Det kam jestan mitte Post von de Bank. Du hast bestümmt mehr Ahnung von sowat als meen Rudi und ick zusamm’n.”

Ich nahm das Papier entgegen und las. Aha, es ging um die Statuten des Einlagensicherungsfonds der Banken:

Zum 01. Oktober 2017 sollen diese also ”angepasst” werden, um die ”Zukunftsfähigeit” des Einlagensicherungsfonds zu ”stärken”.

”Aha,” sagte ich nun laut. ”Das ist es also, was dich beunruhigt.”

”Ja,” antwortete sie. ”Aber meen Rudi meint ja, det uns det nich betrifft, aber eben de Fürm’n, Institute und so. Wenn die so Papiere jekoft ham…”

Ich unterbrach sie: ” Du meinst die hier in dem Brief beschriebenen Schuldscheindarlehen und Namensschuldverschreibungen?”

”Ja, wenn die also de Papiere gekoft ham, denn ham se keene Jarantie mehr, det se ooch ihr Jeld wiedaseh’n. Und wenn se denn ooch noch Jeld uff’m Sparkonto ham, denn sieht det jenauso schlecht für die aus.

Wir ham damals ooch so Papiere gekoft, ham det Jeld teilweise vom Sparkonto jenomm’n.

Ick vasteh ja nüscht davon, aber der Beamte am Bankschalter hat jesacht, det allet janz sicher is und det wa ob’n druff noch mehr Zins’n kriejen. Det ham wa denn ooch jejlobt. Aba heute, da bin ick mir nich mehr so sicher. Wenn se den annern de Jarantie jetzt wegnehm’n, dann frach ick mich, wann se uns die nu och noch wegnehm’n. Ick hab so Angst.

Den Sparvatrach ham se uns och schon jekündicht, wejen de Zinsen. Nüscht mehr mit juten Zinsen. Dabei sollten die doch een kleenet Zubrot zu unsren kleenen Renten sein.

Det sind doch allet Vabrecha!” Sie ließ ihren Kopf hängen.

”Und was wollt ihr jetzt machen?” fragte ich.

Sie hob den Kopf und blickte mich traurig an: ”Ick weeß nich so recht. Aber Rudi sacht, det wa heute zur Bank müssen, de Papiere vakofen. Er holt mich hier ooch jleich ab.”

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Ich ließ Rudi herein und geleitete ihn zu Heidi an den Tisch. Ich bot ihm einen Stuhl an.

”Aber nich für lange”, sagte er. ”Wir woll’n zur Bank. Ham ’n Termin da. Det hätt’ ich ja nie gedacht, det sich die Zeiten mal so ändern. Nich, dass die Preise immer teurer werden und die Rente im Verhältnis immer kleener, nee, da musste och noch Bange ham, dass de det, wat de dir vom Munde mal abjespart hast, später behalten darfst. Det wird allet immer wenjer.”

”Die festverzinslichen Papiere, die ihr habt, die könnt ihr doch jetzt vor Fälligkeitstermin zu einem ganz schlechten Kurs nur verkaufen,” warf ich ein.

”Ja, stimmt,” sagte Rudi. ”Aber besser ’n Spatz in der Hand, als ’ne Taube auf’m Dach!”

Ich blickt ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

”Stimmt doch”, stieß er ärgerlich hervor. ”Oder etwa nich? Nich nur bei den Banken, überall wirste übern Tisch jezog’n. Aber als kleener Mann haste ja keene Wahl, keene Alternative!”

”Doch!” konterte ich. ”Es gibt zu allem eine Alternative!”

Beide blickten jetzt zu mir, schienen eine größere Erwartungshaltung zu hegen.

Ich fuhr fort: ”Ich kann euch zwar keinen konkreten Ratschlag geben wie ihr euer frei werdendes Geld anlegen könnt. Ich kann aber sagen, dass ihr nicht nur bis zur Bank oder zum nächsten Supermarkt denken solltet.”

Die Blicke der beiden wurden fragend….

”Seht mal,” setzte ich zur Erklärung an. ”Ihr habt euer ganzes Leben bis zu Rente fleißig gearbeitet, eure Kinder großgezogen, immer darauf vertraut, dass genau das geschieht, was euch ein zufriedenes und sicheres Leben beschert. Aber insgeheim hat man eure Lebensqualität immer mehr eingeschränkt. Man hat euch nicht einmal vorher gefragt. Nur Versprechungen gemacht, wenn es darum ging, den eigenen Profit durch eure Zustimmung zu erhöhen. Hinterher aber werden nur selten oder auch garnicht diese Versprechen eingehalten.

Ihr müsst gleich weg. Deshalb will ich auf den Punkt kommen:

Egal, was für Vorhaben bei euch anstehen, ob es euch privat, das öffentliche Leben oder die Zukunft für dieses Land betrifft. Der Entscheidung müssen immer Überlegungen vorangehen. Überlegungen können nur dann umfassend angestellt werden, wenn man gründlich hinterfragt und Fakten ”beleuchtet”. Genauer gesagt: Wenn ihr euch für eine Person oder eine Institution, wie z.B. eure Bank, entscheiden sollt, dann fragt doch mal, was in der Vergangenheit so abgelaufen ist. Hat man euch belogen oder war man ehrlich. Sind Versprechen eingelöst oder gebrochen worden. Schaut also nicht nur auf das, worauf man euch wegen des eigenen Vorteils mit der Nase stößt. Schaut euch auch die anderen Möglichkeiten an. Das macht ihr ja auch, wenn ihr einen Handwerker braucht.

Kurz gesagt: Es gibt immer eine Alternative!”

Die beiden Gesichter erhellten sich. Heidi fasste offensichtlich Mut: ”Ja, det mit de Alternative is jut. Komm, Rudi jetzt jeh’n wa zur Bank, vakofen allet, nehm’n det Jeld und übalejen erstma in aller Ruhe, wat wa denn damit machen.”

Rudi stand langsam auf, während Heidi schon im Flur stand. Sie winkte mir noch zu, und dann waren beide weg.

Ich derweil blickte noch ein wenig nachdenklich auf den Putzlappen, den ich wieder aufnahm, um meine Arbeit zu beenden.