Die Verwahrlosung unserer Städte

Heidi Hastig
Heidi Hastig

Diesen Sonntag erwartete ich endlich wieder Heidi zum Kaffee und wusste auch schon, dass wir dieses Mal uns über die Verwahrlosung unserer Städte unterhalten wollten. Denn wir hatten uns in den vergangen drei Monaten zwar nicht gesehen, weil wir, sowohl sie als auch ich, mit der Ernte und deren Verarbeitung und dann mit den rechtzeitigen Weihnachtsvorbereitungen wie z. B. backen, Päckchen packen usw. zu tun hatten. Doch hatte uns das nicht abgehalten, ab und zu miteinander zu telefonieren, wobei wir uns natürlich auch über gemachte Beobachtungen austauschten.

Nun saßen wir also wieder beisammen am Kaffeetisch. Statt des üblichen Kuchens oder einer überbackenen Banane gab es jahreszeitbedingt leckere Plätzchen und ein Stück Stollen. Natürlich alles selbst produziert.

Heidi langte ordentlich zu und begleitete ihr Tun mit den Worten: ”Mensch, det haste richtich jut hinjekricht. De Spekulatius hier” (sie hielt mir den Keks entgegen) ”de sind ja ’ne Wucht.”

”Na, ja, es freut mich, dass es Dir schmeckt, denn ich liebe die Kekse, die ich gebacken habe, ja selber. Ich würde auch keine backen, die ich nicht mag. Versuch doch mal den Stollen!”

Ich reichte ihr den Teller, von dem sie sich ein Stück nahm. Und während sie das Stück Stollen vertilgte, wurde sie aber schon wieder unruhig.

”Weeßte”, sagte sie und rückte auf ihrem Stuhl hin und her, ”da hamwa doch neulich über de Stadt jesprochen, als et losjing mit de Beleuchtung, wie schön det imma zu Weihnachten aussieht.”

”Stimmt!” pflichtete ich ihr bei. ”Warst du denn kürzlich mal in der Stadt? Ich bin in letzter Zeit nur zum Einkaufen in den Supermarkt am Rand der Stadt gekommen.”

”Ick ja ooch, aba ick wollte bei meen Schlachter, wie jedet Jahr, ’n Braten vom Heckrind bestelln. Du weeßt ja, der, wenn de von de Jallerie de Straße hochjehst und denn rechts um de Ecke biechst, ’n paar Schitte weiter uff de rechten Seite. Der.”

”Mhmm”, warf ich zustimmend ein.

”Der is wech!” sagte sie mit einem Unterton der Enttäuschung. ”Da steht dran ’zu vamietn’. Ick wusste janich, wat ick davon halten sollte. ’Wo kriejick den nu meen Fleisch für’n Weihnachtsbratn her’, war meen ersta Jedanke. Die Familie freut sich jedes Jahr uff det Essen – schön mit Rotkohl und de Klöße -. Ja nu hattick ’n richtjet Problem. Ick musste ’n andan Schlachter finden, der wenigstens Biorind hatte. Der, der da wech is war der einzje, der ab zu und denn ooch zu Weihnachten Heckrind hatte.

Ick also durch de Stadt jeloof’n. Und als ick denn so jeloof’n bin und kiek nach rechts und nach links, da fiel ma uff, det de Weihnachtsbeleuchtung nich mehr so strahlte wie früha,  und det se de kaputten Birnen nich jewechselt hatten. Denn habick mal jenauer hinjekiekt.

De Straße hatte sich irjendwie vaändat, hattick det Jefühl. Allet war unjeflecht: De Bänke warn vadreckt, de Papierkörbe liefen üba, uff’m Boden war ooch Müll. Und denn bin ick ooch noch in’n Hundehauf’n jetreten. Uff det sprichwörtliche Jlück kann ick jerne vazicht’n. Fui Deibel!”

Sie machte eine kurze Pause und reckte sich. Sie fuhr fort:

”Also seit dem Somma, als ick zuletzt dawar, da ham so viele uffjejeben. Und da ham sich denn so Billichläden anjesiedelt und andere Händla, die, wie ick meene, Sachen vakoof’n, die hier in unsra Heimat keen Mensch braucht. Also ick werd da bestimmt keene Kundin. Ooch meen Jemüse koof ick schon seit Jahr’n bei dem Händla da bei de Jallerie umme Ecke, der hier aus de Jejend kommt, weeßte? Dem bleib ick treu, ooch, wenn de neue ’n paar Fennje bilja sind.”

Sie hielt inne und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Sie wirkte auf einmal traurig.

”Det de schöne Stadt so runtajekomm’n is. Det hätt ick nie jedacht. Und watt da uff eenmal für Leute rumlungan. Det hattet vor’n paar Jahr’n noch nich jejeb’n. Da jeht doch keeena hin zum inkoof’n. Ick frach ma, seh’n det denn nich die, die im Rathaus sitzen? Det is doch bloß’n paar Straß’n weita:”

”Das ist so gewollt”, warf ich ein. „Die, die im Rathaus sitzen interessiert nur ihr Machterhalt. Das ist im Kleinen wie im Großen nicht anders. Hinzukommt, dass sie vermutlich irgendwie Dreck am Stecken haben, womit sie erpressbar und somit auch steuerbar sind. Es fängt ja schon damit an, dass die Alteingesessenen die Reglementierungen vom Amt zu 100% zu befolgen haben, weil sie sonst mit Konsequenzen zu rechnen haben, während den Neuen schon Einiges durchgelassen wird.

Und was den Dreck und die Verwahrlosung unserer Städte anbelangt: Früher gab es, im Gegensatz zu heute, noch vermehrt Leute, die im Auftrag der Stadt mit ihren Müllkarren die Staßen abgelaufen sind, um sie picobello sauber zu halten. Maschinen, wie Besenwagen – wie es sie in Paris gibt – werden aber nicht angeschafft; auch wenn sie dadurch Personalkosten andererseits dauerhaft senken könnten. Doch das wird alles eingespart. Für regelmäßige Instandsetzungen der Straßen ist auch kein Geld da.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass das so eingesparte Geld in Projekten verpulvert wird, womit eine ganze Sozialindustrie sich dumm- und dusseligverdient, aber die generelle Allgemeinheit, die Gesellschaft, nicht davon profitiert, obwohl sie zu den Budgets mit ihrer produktiven Arbeit wesentlich mit beigetragen haben. Und das ist nur einer von vielen Missständen.”

”Wir sollt’n demonstrier’n geh’n!” stieß Heidi hervor und machte sich zum Gehen bereit, nachdem sie einen kurzen Blick auf die Uhr geworfen hatte.

”Wir beide, zu zweit?” fragte ich, nicht ohne einen ironischen Unterton.

”Wenn keena mitmachen will – warum nich?”

Sie verabschiedete sich, wie gewohnt, ohne Umschweife und warf mir noch einen Handkuss zu. ”Darüba red’n wa ’n annamal.”

Ich konnte gerade noch mein ”OK!” loswerden, als sie schon kurz darauf die Tür hinter sich zuzog.

’Na, ja – zu zweit’ dachte ich. ’Da ist noch nicht einmal ein warmer Händedruck von irgendjemandem drin, oder ein hingehauchtes, blasses Dankeschön, geschweige denn ein hingehaltenes Ohr eines Politikers. Aber schaun wir mal……..’

Banken und Selbstbedienung – ähnlich

Heidi Hastig
Heidi Hastig

Am Freitag rief Heidi an und kündigte ihren Besuch für Sonntag an.

Wie gewohnt, deckte ich den Kaffeetisch. Heute aber sollte es keinen Kuchen geben. Stattdessen stellte ich die Pfanne auf den Herd und bereitete eine überbackene Banane vor.

Da ertönte die Türglocke. Heidi und ich begrüßten uns herzlich und gingen zum Kaffeetisch. Heidi hob die Nase empor und sog den Duft aus der Pfanne mit geschlossenen Augen genüsslich ein.

”Det riecht ja jut,” sagte sie gedehnt.

”Ich weiß doch, dass Du ein Leckermäulchen bist,” entgegnete ich. ”Da habe ich mir eben gedacht: Eine Abwechslung zum sonstigen Kuchen ist doch auch mal was, oder?”

Ich stellte den Teller mit der Speise vor sie hin.

”Mensch, wie lange hab’ ick det nich mehr jejessen,” strahlte sie mich an.

”Na denn: Guten Appetit!”

Zunächst genossen wir schweigend unsere Banane. Dann fragte ich: ”Na, wie ist es Euch in den vergangenen Wochen ergangen?”

Sie wischte sich den Mund mit der Serviette ab und antwortete: ”Och, weeßte, obwohl ja eijentlich normal nüscht wirklich Wichtjet passiert, so ham wa doch ne Menge erlebt.”

”Wie meinst’n das?” Ich sah sie fragend an.

”Da muss ick aushol’n: Ick bin doch mit mein Rudi bei de Bank jewesen. Wir ham ooch allet jerejelt jekricht. Als wa denn det janze Jeld vonne Kasse ham wollt’n, ham se jesacht, det se det nicht ham.

Da hättste ma meen Rudi erleb’n müss’n! Ick hab den janich wiedaerkannt. Der is ja sonst de Ruhe in Person. Aber da issa uffjesprungen, hat sich jrade jemacht und vor dem Bankbeamt’n uffjebaut. Ick will hier lieba nich wiedahol’n wat er dem allet an’n Kopp jeschmissen hat. Und ooch noch so laut! Aba komisch – det hat jewirkt. Der junge Mann hat uns in so’n kleenet Zimma jebracht. Da ham wa denn ne janze Weile jewartet. Denn hat unser Bankbeamte mit een andern det Jeld jebracht. Uff Hella und Fennich ham se uns det Jeld vorjezehlt und denn jejeben. Mann, det war vielleicht wat!”

”Na, dann habt Ihr ja einen echten Erfolg erlebt. Und Ihr brauchtet nicht noch einmal in die Stadt zu fahren”, warf ich ein.

”Ja”, bestätigte sie. ”Aba da is noch wat: Letzte Woche hat Rudi inna Süddeutschen Zeitung wat üba de Bausparkassen jelesen. Die Zeitung hatta von seim Bruda jeschickt jekricht. Da steht inne Zeitung, det de Bausparkassen Jeld jenomm’n ham, wat ihnen ja nich jehört.

Rudi hat mir det erklärt: Die ham da so ne Art Sparkonto für de Bausparer. Die nenn’n det Fonds. Der soll dafür sein, det sicha is, det de Sparer ooch ihr’n Kredit kriejen, wenn der Bausparvatrach reif is und die bauen woll’n. Da soll’n über zwee Milljarden Euro drinjewesen sein. Unvorstellbar, die Menge Jeld. Nu ham se jrade ma noch vielleicht de Hälfte drin. Det is doch Klau! Einwandfrei! Die beklau’n de Sparer nach Strich und Faden. So wie se jetze wejen de Zinsen die normal’n Sparer ooch üba’n Tisch babier’n. Bin ick froh, det wa det allet nich mehr ham.”

Sie atmete tief durch und nahm einen Schluck Kaffee.

Ich nahm das zum Anlass, sie zu fragen: ”Habt ihr denn nun schon eine Möglichkeit gefunden, was ihr mit dem freigewordenen Geld machen wollt?”

” Det ham wa schon erledicht.”

”Und?” fragte ich neugierig.

Sie druckste ein wenig herum: ”Wir ham wat jefunden.” Ihr Gesicht wirkte verschmitzt.

”Wenn Du darüber nicht reden willst, brauchst Du mir nichts zu sagen.”

Sie schien erleichtert. ”Saren kann ick nur, det wa wat schönet jefunden ham.”

”Ja? Schön!” setzte ich nach.

”Na, ja. Rudi saacht, det, wat wa da jekooft ham, wird nich vazinst, is aba dafür werthaltich; saachta. Et jlänzt sojar. Ick hoffe nur, det wa det diesmal richtich jemacht ham.”

Ich versuchte, Ihr die Zweifel zu nehmen: ”Was immer es auch ist: Wenn es werthaltig ist, wie dein Rudi sagt, dann ist es gut. Passt also gut darauf auf!”

Sie nickte. Dann blickte sie auf die Uhr und erschrak: ”Jetze hab ick mir schon wieda vaquatscht. Dabei wollt ick doch noch de Holunderbeer’n bearbeet’n.”

Sie trank hastig den letzten Schluck Kaffee aus und rief mir beim Weggehen noch zu: ”Die Banane war suuupa! Machste det ma wieda?”

”Sehr gern” wollte ich sagen, aber da blieb ich auch schon allein zurück.

Sicherheit und Alternative

Es klingelte an der Haustür. Ich schaute auf die Uhr und wunderte mich. Schnell nahm ich meinen Schlüssel, um die Haustür zu öffnen. Zuvor jedoch blickte ich wegen der Sicherheit durch den Spion, staunte nicht schlecht: Da stand Heidi Hastig vor der Tür und trat von einem Fuß auf den anderen. Wieder einmal hatte sie es wohl sehr eilig.

Heidi Hastig

Als ich die Tür nun endlich geöffnet hatte, stürzte Heidi wie von der Tarantel gestochen gleich durch zum Esstisch, blieb abrupt davor stehen, hielt den Rücken gestreckt und verzog keine Miene.

Ich folgte ihr rasch. Machte mir Sorgen, was sie wohl erlebt haben mag, dass sie nicht nur außerplanmäßig, sondern auch zu dieser Tageszeit — es war Freitag 9:00h vormittags —zu mir kam. Zum Glück hatte ich keinen Termin, musste also nicht aus dem Haus. So legte ich dann den Putzlappen aus der Hand und wandte mich Heidi zu.

Als ich sie beobachtend ansah, bemerkte ich, wie sie ein Stück Papier in ihren Händen hin- und herdrehte.

”Setz dich erstmal,” sagte ich. ”Und dann erzähl mir welche Laus dir über die Leber gelaufen ist.”

”Ick weeß janich, wo ick anfang’n soll. Ick kenn’ doch nüscht davon. Hier.” Sie streckte mir nun das Stück Papier entgegen. ”Lies ma. Det kam jestan mitte Post von de Bank. Du hast bestümmt mehr Ahnung von sowat als meen Rudi und ick zusamm’n.”

Ich nahm das Papier entgegen und las. Aha, es ging um die Statuten des Einlagensicherungsfonds der Banken:

Zum 01. Oktober 2017 sollen diese also ”angepasst” werden, um die ”Zukunftsfähigeit” des Einlagensicherungsfonds zu ”stärken”.

”Aha,” sagte ich nun laut. ”Das ist es also, was dich beunruhigt.”

”Ja,” antwortete sie. ”Aber meen Rudi meint ja, det uns det nich betrifft, aber eben de Fürm’n, Institute und so. Wenn die so Papiere jekoft ham…”

Ich unterbrach sie: ” Du meinst die hier in dem Brief beschriebenen Schuldscheindarlehen und Namensschuldverschreibungen?”

”Ja, wenn die also de Papiere gekoft ham, denn ham se keene Jarantie mehr, det se ooch ihr Jeld wiedaseh’n. Und wenn se denn ooch noch Jeld uff’m Sparkonto ham, denn sieht det jenauso schlecht für die aus.

Wir ham damals ooch so Papiere gekoft, ham det Jeld teilweise vom Sparkonto jenomm’n.

Ick vasteh ja nüscht davon, aber der Beamte am Bankschalter hat jesacht, det allet janz sicher is und det wa ob’n druff noch mehr Zins’n kriejen. Det ham wa denn ooch jejlobt. Aba heute, da bin ick mir nich mehr so sicher. Wenn se den annern de Jarantie jetzt wegnehm’n, dann frach ick mich, wann se uns die nu och noch wegnehm’n. Ick hab so Angst.

Den Sparvatrach ham se uns och schon jekündicht, wejen de Zinsen. Nüscht mehr mit juten Zinsen. Dabei sollten die doch een kleenet Zubrot zu unsren kleenen Renten sein.

Det sind doch allet Vabrecha!” Sie ließ ihren Kopf hängen.

”Und was wollt ihr jetzt machen?” fragte ich.

Sie hob den Kopf und blickte mich traurig an: ”Ick weeß nich so recht. Aber Rudi sacht, det wa heute zur Bank müssen, de Papiere vakofen. Er holt mich hier ooch jleich ab.”

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Ich ließ Rudi herein und geleitete ihn zu Heidi an den Tisch. Ich bot ihm einen Stuhl an.

”Aber nich für lange”, sagte er. ”Wir woll’n zur Bank. Ham ’n Termin da. Det hätt’ ich ja nie gedacht, det sich die Zeiten mal so ändern. Nich, dass die Preise immer teurer werden und die Rente im Verhältnis immer kleener, nee, da musste och noch Bange ham, dass de det, wat de dir vom Munde mal abjespart hast, später behalten darfst. Det wird allet immer wenjer.”

”Die festverzinslichen Papiere, die ihr habt, die könnt ihr doch jetzt vor Fälligkeitstermin zu einem ganz schlechten Kurs nur verkaufen,” warf ich ein.

”Ja, stimmt,” sagte Rudi. ”Aber besser ’n Spatz in der Hand, als ’ne Taube auf’m Dach!”

Ich blickt ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

”Stimmt doch”, stieß er ärgerlich hervor. ”Oder etwa nich? Nich nur bei den Banken, überall wirste übern Tisch jezog’n. Aber als kleener Mann haste ja keene Wahl, keene Alternative!”

”Doch!” konterte ich. ”Es gibt zu allem eine Alternative!”

Beide blickten jetzt zu mir, schienen eine größere Erwartungshaltung zu hegen.

Ich fuhr fort: ”Ich kann euch zwar keinen konkreten Ratschlag geben wie ihr euer frei werdendes Geld anlegen könnt. Ich kann aber sagen, dass ihr nicht nur bis zur Bank oder zum nächsten Supermarkt denken solltet.”

Die Blicke der beiden wurden fragend….

”Seht mal,” setzte ich zur Erklärung an. ”Ihr habt euer ganzes Leben bis zu Rente fleißig gearbeitet, eure Kinder großgezogen, immer darauf vertraut, dass genau das geschieht, was euch ein zufriedenes und sicheres Leben beschert. Aber insgeheim hat man eure Lebensqualität immer mehr eingeschränkt. Man hat euch nicht einmal vorher gefragt. Nur Versprechungen gemacht, wenn es darum ging, den eigenen Profit durch eure Zustimmung zu erhöhen. Hinterher aber werden nur selten oder auch garnicht diese Versprechen eingehalten.

Ihr müsst gleich weg. Deshalb will ich auf den Punkt kommen:

Egal, was für Vorhaben bei euch anstehen, ob es euch privat, das öffentliche Leben oder die Zukunft für dieses Land betrifft. Der Entscheidung müssen immer Überlegungen vorangehen. Überlegungen können nur dann umfassend angestellt werden, wenn man gründlich hinterfragt und Fakten ”beleuchtet”. Genauer gesagt: Wenn ihr euch für eine Person oder eine Institution, wie z.B. eure Bank, entscheiden sollt, dann fragt doch mal, was in der Vergangenheit so abgelaufen ist. Hat man euch belogen oder war man ehrlich. Sind Versprechen eingelöst oder gebrochen worden. Schaut also nicht nur auf das, worauf man euch wegen des eigenen Vorteils mit der Nase stößt. Schaut euch auch die anderen Möglichkeiten an. Das macht ihr ja auch, wenn ihr einen Handwerker braucht.

Kurz gesagt: Es gibt immer eine Alternative!”

Die beiden Gesichter erhellten sich. Heidi fasste offensichtlich Mut: ”Ja, det mit de Alternative is jut. Komm, Rudi jetzt jeh’n wa zur Bank, vakofen allet, nehm’n det Jeld und übalejen erstma in aller Ruhe, wat wa denn damit machen.”

Rudi stand langsam auf, während Heidi schon im Flur stand. Sie winkte mir noch zu, und dann waren beide weg.

Ich derweil blickte noch ein wenig nachdenklich auf den Putzlappen, den ich wieder aufnahm, um meine Arbeit zu beenden.

Es ist so ruhig….

Sonntag. Es ist der erste Sonntag nach ein paar Wochen, an dem ich wieder Heidi Hastig zum Kaffee erwartete.

Heidi Hastig

Ich prüfte noch gerade, ob auch neben Kuchen und Kaffee alles auf dem Tisch stand, was dazugehörte – da läutete es auch schon an der Tür. Wir begrüßten uns herzlich. Schließlich war es schon – gefühlt – sehr lange her, dass wir uns zuletzt gesehen hatten.

Am Tisch angekommen stellte ich fest wie schön die Sonne ihren Teint gebräunt hatte. Ihre altersbedingten Fältchen schmiegten sich in die Konturen perfekt ein, zumal sie bestätigten wie heiter Heidi, trotz allen Schicksals, ihr Leben meisterte. Auch ihre hellen Augen waren durch den Kontrast ein richtiger Hingucker. Im Großen und Ganzen schien es ihr gutzugehen.

Während ich ihr ein Stück Kuchen reichte und Kaffee einschenkte fragte ich: ”Na, nun erzähl mal. Was ist bei Euch so passiert?”

”Och,” begann sie, ”im Jrunde allet wie imma. Ick hab men Jemüse ins Land jebracht. War ’n Haufen Arbet. Da merkste doch, det det Kreuz üba ’n Winta janz schön lahm jeworn is. Und de Beene ooch. Aba jetz is wieda jut.

Und als ick so imma mit de Nese anne Erde hing und de Flanzen injelocht habe, da musst ick doch öfta an men Vata denken.”

Ich blickte sie fragend an.

”Ja, det find’ ick ooch komisch. Jrade da! Men Vata war ja Spätheimkehrer. Und ick wurde da erst jeborn. Ick hatte überhaupt keene Ahnung wat der so allet erlebt hatte. Inna stillen Stunde säufze mene Mutta mal: ’Dein Vata hat sich janz schön vaändat seit er wieda zu Hause is.’ Det war det einzje Mal, det se jeklacht hat. Ick hab men Vata nur als nachdenklichen Mann kennenjelernt. Der soll vorm Kriech sehr lebenslustich jewesen sein.

Als ick denn älta war, och, ich jlob, ick war schon verheratet, da hat sich men Vata vor mich hinjestellt, als ick zu Hause zu Besuch war, und fing enfach an, zu reden. Der Somma ’39 hatte sich besondas enjepreecht:

’Weeßte’, sachta, ’nüscht is schlimma, als wenn et dich kalt erwüscht!’

Ick wusste ja nich watta wollte und sachte: ’Setz dir ma erstma.’ Denn finga an:

’Det war eijentlich klar, det se Kriech machen, aba keena hat et jejlobt. Weeßte, war Somma und allet, wat Beene hatte, war irjenwie draußen, inne Natur. Det Wetter war schön, wir ham jebadet, und keener hat ooch een Jedanken daran vaschwendet wat morjen is. Allet war so ruhich. Det wirkte allet so friedlich. Det mit de Säuberung lief quasi so nebenher. Viel hamwa davon nich mitjekricht.

Und denn im September, da war det plötzlich da, det Unjlück. Keener war vorbereitet. Ick war ja erst 16 und hatte mit Politik nüscht anne Mütze. Deine Jroßeltan aba hatten noch de Erinnerung an’n ersten Kriech und konnten sich sehr fix umstellen.

De erste Zeit wart noch janz jut. Allet war ja so weit wech. Wir hatten zu essen und aus’m  Schreberjarten hatten wa ja ooch ’n bißken. Wir hatten bloß imma Angst, det se uns det weenje ooch noch klaun oda konfisziern.

Doch dann wurde der Kriech imma lauter und mir ham se injezoren. Ick wurde quasi üba Nacht erwachsen jemacht. Und mit Lehre war ooch nüscht mehr. Und denn de Jefangenschaft. Weeßte, Ich hab de Neese jestrichen voll. Ick will sowat nich wieda erleben.

Det wollt ick dir bloß mal saren. Sei froh, dette in Frieden lebst. Aber vajiss nich, immer de Vorräte zu halten. Man weeß nich wat kommt.’

Dann standa uff und jing wieda in sein Zimma. Ick blieb sitzen und war tief beeindruckt. Die Bilder, die ick nu im Koppe hatte, bin ick nich wieda losjeworn.

Als ick und men Mann det Haus hier jekooft ham, da war mir wichtich, det man selber wat anbaun kann.

De Zeit is so komisch. Ick hab det Jefühl, det bei all den komischen Sachen, die die Rejierung jrade macht, det sich det vielleicht so eehnlich vahält wie 39. Jeder macht seinen Kram, sieht zu, detta üba de Runden kommt, keene Zeit oder Feste feian. Keena denkt an det wirkliche morjen.  Und plötzlich isset da, det Unjlück. Ick muss imma öfta an men Vata denken. Is det nich komisch?”

”Nein”, erwiderte ich, ”das ist überhaupt nicht komisch. Ich kenne zwar, wie du, die dreißiger und vierziger Jahre nur aus Erzählungen von zu Hause, aber die Zeit, in der wir jetzt leben, ist die unruhigste, die wir in den letzten 70 Jahren hatten, aber vordergründig ruhig. Dein Gefühl trügt dich nicht. Deshalb ist es um so besser, dass du bevorratet bist.”

Sie sah zur Uhr: ”Mensch, wie de Zeit vajeht. Und ick hab Rudi vasprochen, det ick heute eha nach Hause komme.”

”Na, trink erstmal deinen Kaffee aus. Der Rudi kennt dich doch schon etliche Jahre. Der nutzt jetzt bestimmt die Ruhe vor dir, seinem Wirbelwind.”

Sie stand schon wieder.

”Det is det Stichwort – ick jeh jetzt nach Hause. Ick will noch de Ruhe vorm Sturm nutzen und wat machen.”

Schnell ging sie aus dem Haus und zog geräuschvoll die Tür hinter sich zu.

Schwarze Süßigkeiten

Es war wieder Sonntag und Kaffeezeit. Heidi war dazugekommen, und wir plauderten über dies und das.

Heidi Hastig

Ich fragte: ”Wie geht es denn Deinen Enkeln?” Ich wusste ja wie wichtig ihr die Familie ist.

”Och”, entgegnete sie. ”Ick war jrade da. De kleene saß uff mei’m Schoß summte een Lied. Ick habe se jefracht, ob se denn ooch ’n Text kennt. Ja, se hatte een und hat det Lied nu richtich jesungen:

Zehn kleine Negerlein…. Det kannt’ ick ja ooch noch von früher.

Denn hat se abrupt uffjehört. Ick wunderte mich. Ick frachte, warum se denn uffjehört hat.

’Weil wir im Kindergarten das Wort Neger nich mehr sagen dürfen und auch das Lied nich mehr so sing’n sollen.’

Da hab ick nur mitten Kopp jeschüttelt.

Und denn erzählte mir meene Schwiejatochta, det se ’n Elternabend inne Kita jehabt hätt’n. Da hamse den Eltern de neuen Kinderbücher vorjestellt. Det wär’n zwar de alten Jeschichten aber eben überarbeetet. Als meene Schwiejatochta frachte, watt denn det bedeutet, da hamse det Beispiel jebracht, det eben de beschrieb’nen Nejer nu Schwarze oder Afrikaner jenannt werden. Und det eben alljemein de Texte an de moderne Sprache anjepasst word’n sind. Watt’n Quatsch!”

”Das heißt also, dass die, die die Literatur verändert haben, den ursprünglichen Autoren ins Handwerk gepfuscht haben”, warf ich ein.

”Ja, jenau”, sagte sie und setzte hinzu: ”Die bevormunden de Leute immer mehr. Bald vabieten se det und dann det noch; denn musste dir für allet Möchliche vaflicht’n. Det jeht denn imma so weiter. Det hatt’n wa doch allet schon.”

Sie hielt inne und fing dann an, zu kichern: ”Hi, hi, ick stell’ ma jrade vor, wie det wohl klingen würde…”

Sie sang: ”Zehn kleene Afrilein….” Sie kam aber nicht weiter, hielt sich stattdessen den Bauch vor Lachen und setzte hinzu: ”Bald vabiet’n se ooch noch Pippi Langstrumpf mit ihrer Idee vom bunten Takatukaland, weil se die Idee für sich alleene beanspruchen und denen det Bunte nich bunt jenuch is.”

Später, als sie sich auf den Heimweg machte, verabschiedete sie sich mit den Worten: ”Eens noch: ’N Nejerkuss is’n Nejerkuss und sonst nüscht!”

„Na denn, bis später“, wollte ich ihr sagen, aber sie war schon wieder aus der Tür.

Heidi Hastig zieht vom Leder

Wer ist Heidi Hastig?

Heidi Hastig ist ein schnelles Original. Sie ist aufgeweckt und vielfältig interessiert. Sie schaut den Menschen seit Jahrzehnten „auf’s Maul“ und auch woanders hin — psst. Sie beobachtet ebenfalls die Öffentlichkeit, zieht schon mal schnelle Schlüsse, plaudert auch darüber. Sie hat halt so ihre Gedanken. Sie ist, trotz ihres fortgeschrittenen Lebensalters, von Unrast geprägt.

Heidi Hastig

Letztens jedoch hat sie während ihres kurzen Aufenthaltes bei mir tatsächlich auf dem ihr angebotenen Stuhl am Kaffeetisch Platz genommen.

Ich schenkte ihr Kaffee ein. Mit einer für sie ungewöhnlich langsamen Geste fügte sie Kaffeesahne hinzu und schaute mich anschließend über den Brillenrand bedeutungsvoll an.

”Weeßte,” sagte sie in ihrem Berliner Dialekt, den sie trotz des Zuzuges vor zwei Jahrzehnten nie abgelegt hat, ”Ick bin ja nu alt, aba det Leben bietet immer noch so vielet Neuet. Ick find’s jroßartich. — Und doch vergleich ick vielet mit früher.”

Sie machte eine Pause, führte die Tasse zum Mund, trank einen Schluck und setzte sie wieder ab. Während sie aus dem Fenster starrte, streckte sie geräuschvoll ihren Rücken. Es schien ein Film vor ihrem geistigen Auge abzulaufen.

Ich wollte gerade etwas sagen, da drehte sie sich abrupt zu mir; das gewohnte Blitzen in ihren Augen war wieder da:

”In den Nachrichten siehste ja immer vielet. Die quetschen allet in die vürtel Stunde rin. Aba, wennde denkst, die erklär’n jetzt endlich ma wat, Pustekuchen, denn is schon det neechste Thema dran. Ick bin ja nur’n kleenet Licht, aber ick finde, det ick ooch’n Recht uff Erklärungen habe. Hintergrundinformationen nennt man det wohl. Wat mich nu ma interessiern würde: Der Martin, der Schulz, wat isn det für eener? Ick weeß boß, det der ma irgendwo in Europa’n hohet Tier war. Wat hat der da eijentlich jemacht? Und wat will der uns jetzt zur Bundestachswahl vakofen? Nu willa det Arbetslosenjeld valängern. Gloobt der, det die armen Leute dann mehr Changsen hab’n, wieder Arbet zu kriejen?

Für mich is det ja nich mehr relevant, wenn der nur Symptome behandelt, aba nich de Ursachen.

Da war det früher allet enfacha. Da hatt’n die im Westen den Wehner, der jradeaus sachte, watta dachte. Da war ooch der Strauß, der jenauso in seim Bayrisch den Leuten die Tatsachen vor’n Latz knallte.

Ooch wennse, wie heute, de Wahlvasprechen janich oder nur’n bissken davon enjehalten ham, war det Spiel doch lechta zu vasteh’n. Viellecht denk ick det ooch nur. Hier bei uns … — ach nee, damit will ick jetzt nich anfangen.

Aba jrade dieset Jahr sind ja wieda de jroßen Wahl’n. Ick finde, die is wichtjer als de letzten, weil, wie ick finde, ’ne Menge nich jut loft.

Haste ma wat jehört, det se’n janz konkretet Programm vorjestellt ham? Ick hör imma nur, det se irjentwat machen woll’n. Und wenn man fracht, wie se det anstell’n woll’n, hamse keene Zeit und saren bestenfalls, de Erklärung jibt’n andra.

Nach de letzt’n Wahl ham ooch vielet im so jenannt’n Koalitionsvatrach rinjeschrieb’n, det se zum Beispiel erreich’n woll’n, det de Rentna nich mehr arm sind. Det hab ick aba in meim Portmanaie nich jemerkt. Ooch meene Kinda; de Rolf, meen Ältesta, der muss imma noch zwee mal de Woche zum zweeten Job, um de Frau und de drei Kinder anständich zu ernähr’n. Und denn macht de Frau ooch noch’n bissken Hemarbet, wat se so neben de Kinder eb’n kann. Ick kann da nich viel helf’n, hab ja selba nüscht.

Also, is doch allet wieda jelogen. Wat mach ick bloß im Septemba? Wenn ick man bis dahin noch lebe.”

Ich setzte einen zweifelnden Gesichtsausdruck auf. Sie leerte ihre Tasse und war schon wieder auf dem Sprung. Bevor sie sich verabschiedete, stieß sie ungewöhnlich kraftvoll hervor:

”Ene Sache noch: Ick lass ma nich untakriejen. Se könn’n ma allet nehm’n, aba nich meene Jedanken, meene Menung, ick sach wat ick will und denke. Och meen Humor jehört ma janz alleene.”

Ich erwiderte: ”Mit Deiner Einstellung solltest Du Schriftsellerin werden. Hast Du nicht Lust, Dich mit Beiträgen an unserem neuen Blog für Eigenrode zu beteiligen? Du könntest all das aufschreiben, was Du mir während Deiner kurzen Besuche immer so erzählst.”

Sie dachte kurz nach: ”Au ja, det mach ick. Hilfste mir dabe?”

”Sicher”, sagte ich. Sie strahlte, warf mir einen Handkuss zu und war auch schon durch die Tür verschwunden.