Die Gesellschaft im Wandel der Zeit

Heidi Hastig und Gesellschaft
Heidi Hastig

Heute, am ersten Sonntag im neuen Jahr, hatte sich Heidi wieder zum Kaffeetrinken angesagt. Im letzten Telefonat verabredeten wir ein Gespräch über die Gesellschaft im Wandel der Zeit. Bei dieser Gelegenheit lud ich auch Ihren Mann Rudi mit ein. Denn manchmal hat er nichts Besonderes vor und freut sich dann, mit von der Partie zu sein.

Pünktlich zur verabredeten Zeit standen auch beide vor meiner Tür.

”Na, denn kommt man ’rein” sagte ich und machte dabei eine einladende Geste.

Mit den Worten: ”Nochma frohet Neuet” trat Heidi ein, gefolgt von Rudi, der dabei ergänzte: ”Ja, von mir ooch.”

”Vielen Dank! Auch an Euch,” antwortete ich und schloss die Tür hinter den beiden. Die Mäntel legte ich in der Diele auf die Couch.

Wir, die kleine Gesellschaft, nahmen am Kaffeetisch Platz. Ich schenkte uns allen Kaffee ein und bedeutete den beiden, sich doch bitte am Kuchen zu bedienen. Wir strahlten uns an.

”Schön, euch wiederzusehen”, eröffnete ich das Gespräch. Die beiden dankten es mit einem Lächeln. ”Wie ich weiß, habt ihr es dieses Mal doch tatsächlich geschafft, alle eure Kinder und Enkel zumindest am ersten Weihnachtsfeiertag zusammenzutrommeln.

”Oh, war det schön! Wir war’n ’ne richtje Gesellschaft!” rief Heidi begeistert. Sie blickte zu ihrem Mann, streichelte seine Hand und forderte von ihm eine Bestätigung: ”Nich, Rudi?” Der hatte den Mund gerade mit Kuchen voll; nickte aber stattdessen.

”Na, dann erzählt doch ’mal,” forderte ich die beiden auf.

Als Heidi nun anfing, von diesem Tag zu berichten, glühten ihre Augen förmlich. ”Weeßte, die hatten det doch hinjekricht, det se alle erst am zweeten Weihnachtstach zu de Schwiejaeltern fahr’n konnt’n. Und Sonderschichten ham Rolf und Dieta diesma abjelehnt. Hab ick mich jefreut! Und de Enkel, wat die uns mitjebracht ham…. De Jana, de kleenste vom Rolf, is ja erst 5, hat uns ’n Bild jemalt, mit Fingafarb’n. Det muss ick Dir unbedingt ma zeijen, wenn de ma rüberkommst zu uns. Ick jlaube, die hat Talent.”

”Ja, unbedingt. Beim nächsten Stadtbummel koofen wa ’n Rahmen, und det Bild kommt an die Wand,” warf Rudi ein.

”Das finde ich großartig. Wenn das so ist, was das Talent anbelangt, dann braucht sie von ihren Eltern Unterstützung. Ich will hier gar nicht von Förderung reden, weil das meistens in Stress für die Kinder ausartet,” setzte ich hinzu.

”Aber glaub man, alle anderen Kinder sind ooch nich ohne. Alle haben se irgendeine Bejabung, ob det Schauspielern is oder eben nur singen; auch beim Basteln sind se fix mit viel’n Ideen dabei. Na, unsere Kinder sind ja auch nich ohne Talent und Ideen. Det haben se in den Genen.” Beim letzten Satz stand der ganze Stolz in Rudis Gesicht geschrieben.

”Als wa denn det Mittach fertich hatten,” fuhr Heidi mit ihrem Bericht fort, ”ham wa jleich de Bescherung jemacht. Wat ham se sich alle jefreut. Aber die Numma eins war’n de neuen Händies, die Jana, de älteste von Rolf, und Jens, de älteste von Dieta, Heilich Abend  jekricht hatten. Währ’nd die andern mit de Jeschenke spielten, war’n  die beeden ständich am Tipp’n uff de Dinga. Als ick ma frachte, wat se denn da so wichtjet tipp’n, sachte Jana – die is ja nun schon 14 – ’Mensch Oma, kennste WhatsApp nich?’ ’Nee,’ sach ick. ’Wat is’n det?’ Da sacht se doch glatt: ’Mensch, Oma wo lebste denn? Mit WhatsApp kannste Dich mit ganz viel’n Freunden unterhalten, das Neuste austauschen, einladen, verabreden und dich in der Community beweg’n. Du weißt immer und überall das Neuste. Das is total cool. Du musst nur dran bleiben.’ ’Ooch nachts?’ hab ick se spaßeshalber jefracht. ’Na klar, Oma, das check ich morgens als erstes.’ Kennste denn die Leute alle, mit den’n du da tippst?’ hab ick noch ma nachjefracht. ’Nö,’ sacht se, ’aber is das nich cool wie viele Follower ich habe? Das ist wichtig. Da biste wer.’ Da zeicht se mir ihr Händie kurz. Und da hatte se schon wieda ’ne neue Nachricht.

So, da hab ick erst ma jeschluckt, aba nüscht weiter jesacht, bloß de beeden Väta anjekiekt. Die zuckten mit de Achseln und meenten, det sich det schon wieda jeben würde, wenn det allet nich mehr neu is.”

Während Heidi sich in Rage redete, nickte Rudi ab und zu beipflichtend und meinte nun: ”Das kann glauben wer will! Ick nich! Wenn de inner Stad bist, siehste de jungen Leute nur mit’m Händie beschäftigt. Neulich hätte mich beinahe so’n junger Dachs voll umjerannt. Dann hat er aufgekuckt und is weiter. Der hat sich nich mal einschuldicht. ’Unverschämter Bengel,’ hab’ ich ihm noch nachgerufen, aber da kam nix.”

”Ja,” stimmte ich zu, ”ich finde, da hat sich in der Gesellschaft viel verändert. Gerade in der Stadt, wo alles irgendwie anonymer ist. Die Leute laufen täglich in ihrem Hamsterrad, das für die wie eine Karriereleiter aussieht, und blenden vielfach ihr Umfeld aus. Das gilt auch für die Kinder. Die Kinder werden im Kleinkindalter in fremde Hände gegeben und damit die Erziehung abgegeben. Am Abend ist die Kraft, die die Kinder den Eltern abverlangen, einfach nicht mehr vorhanden, und die Stunden bis zum Zubettgehen sind nicht immer von Harmonie geprägt. Da bleibt schon Einiges auf der Strecke.

Meine Mutter hat unseren ersten Schwarzweißfernseher erst in der ersten Hälfte der sechziger angeschafft. Und ferngesehen wurde auch nur selektiv. Da blieb viel Zeit für Unterhaltung und Gespräche.”

”Jenau!” warf Heidi ein. ”Ick hab mit 14 noch mit de Puppen jespielt. Die hatt’n keene Batterien, die ham wa noch selba hin- und herjeschleppt. Heute muss ja allet von selba loofen.”

Rudi ist technikaffin. Der letzte Satz seiner Frau rief ihn auf den Plan: ”Nee, ganz so kannste det ooch nich sag’n. Det is doch ’ne Errungenschaft, wenn de dir det Leb’n mit Maschinen oder gut’m Werkzeug leichter machen kannst. Die Motorseege zum Beispiel. Damit ham wa ruckzuck de Bäume unten jehabt. Mit de Handseege hätt’ det viel länga jedauert und wir hätt’n noch’n zweiten Mann an der Seege jebraucht.”

”Jaa, det is ja richtich,” sagte Heidi gedehnt, wollte sich aber nicht voll auf Rudis Argumente  einlassen.

Die Pause, die sie einlegte, nutzte ich, um grundlegend festzustellen: ”Dass die menschliche Gesellschaft sich mit jedem neuen Kopf verändert, ist das Gesetz der Entwicklung. Die Menschen sind individuelle Geschöpfe, die die Regeln des sozialen Gefüges von klein auf durch ihre Eltern als Vorbilder erlernen sollten, so wie es in konservativen Zeiten vor der ’68er Bewegung gang und gäbe war. Diese Bewegung legte den Grundstein zur sozialen Veränderung bis hin zur radikalen politischen Doktrin. Das ist die große Veränderung. Im Kleinen aber litt das zwischenmenschliche Verhalten, der Umgang miteinander, die Höflichkeit, gute Manieren allgemein erheblich. Mit dem Aufkommen der Emanzipierung der Frau entwickelte sich eine Ellbogengesellschaft. Durch die Frauen stieg die Zahl der Konkurrenten, auch auf dem Arbeitsmarkt, erheblich, was zu dem Verlust der engen Familienbande führte, da die Mutter nicht mehr im Haus war. Die Familie als ein intaktes Kleinod zerbrach irgendwann. Das Ergebnis ist die heutige Gesellschaft. Lockere, zeitlich begrenzte Verbindungen, Patchwork-Familien etc. pp.

Ich will hier keineswegs alles schlechtreden und ’rummäkeln. Das muss ich betonen. Wir haben eine moderne Gesellschaft mit ihren technischen Errungenschaften und Ideen, die uns voranbringen. Ich wünsche mir nur, dass gerade der nachwachsenden Generation in der Erziehung beigebracht wird, mit diesen technischen Errungenschaften maßvoll umzugehen. Die Menschen müssen sich wieder Zeit für einander nehmen und z.B. gemeinsam in der Familie frühstücken, statt mit einem Pappbecher Kaffee durch die Gegend zu rennen, während man noch eben seine Nachrichten in den social medias checkt. Auch der generelle Umgang miteinander muss wieder repektvoller und höflicher werden. Es muss ein Umdenken stattfinden.”

Beide, Heidi und Rudi, nickten zustimmend. ”Genau det fühl’n wa ooch schon so lange, nich, Heidi?” fragte Rudi. Heidi nahm seine Hand und streichelte sie zärtlich. Ihre Blicke trafen sich und verrieten wie sehr sie sich immer noch liebten und verehrten. Dieses Bild habe ich gerne vor Augen.

Nach einer Zeit, in der wir das Thema Familie und Gesellschaft noch diskutierten, verabschiedeten sich die beiden aufgeräumt und entspannt.

Ich schloss hinter ihnen die Tür und merkte auch in mir eine gewisse Zufriedenheit. Wieder ein schöner Nachmittag!

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